über mich

Die Eigenschaft des reinen Geistes ist das Schauen und nicht das Wissen” schreibt der Dichter Justinus Kerner (1829) – der Satz mag überraschen, denkt man doch gleich an die vielzitierte Sentenz Goethe`s  „ Man sieht nur was man weiß“. 
Sollte aber nicht auch Kerner  Recht haben? – spricht er doch vom „reinen Geist“, dessen Eigenschaft das  Schauen oder Sehen sei. Damit mag vielleicht – ganz im Sinne der Romantik –  auch so etwas gemeint sein  wie ein „unbeschriebenes Blatt“ , ein Geist, der unbelastet von Vorprägungen einfach aufnimmt, einfach nur erst einmal hin-„sieht“ .

Dieses nur – sehen steht am Beginn  (und am Ende  bzw. nach der Vollendung)  künstlerischer Schaffensprozesse, auch und gerade bei Arbeiten von Kornelia Kopriva…

…Nun wird man keinen Betrachter daran hindern wollen, das vielfältige Form- und Farbenspiel auf der Malfläche zu Geschichten, Erzählungen  zu verdichten, aber Formen und Farben erzählen nichts anderes als das, was  sie sind oder tun.  Sie bedeuten nur sie selbst – die Geschichten „erzählt“ sich der Betrachter selbst;  Formen und Farben bedeuten nur sich selbst. Erst im Auge des Betrachters und in seinen Gedanken verdichten sie  sich zu Empfindungen, rufen Erinnerungen auf – und verführen zu Spaziergängen der Phantasie. Der  Betrachter läuft Gefahr auf den einfachen, den bequemen Weg gelockt zu werden – keine Mühe  mehr wird er aufwenden, gedanklich Elementares, Essentielles im Kunstwerk aufzuspüren; es sei denn, er ließe sein Schauen frei – ohne wissen, offen, neugierig, sich treiben lassen im Fluß von Formen und Farben – er sagt „Freund“ und etwas öffnet sich…

…Die Konzentration auf wenige, aber sehr konzentriert und intensiv gesetzte Form- und Farbrelationen  führen  an den Rand meditativer Betrachtung.
Von hier führt der Weg zu einer weiteren Werkgruppe, den „Zeichnungen“ der Serie „KIËN und Yü“.
Dort kulminiert die Entwicklung, die vielleicht mit der (bei Heinrich Wölfflin in anderem Zusammenhang gebrauchten) Wendung von der „Vielheit in der Einheit“ umschreiben lässt.
Diese Zeichnungen entstehen aus einer Tuschespur, die mit dem Pinsel aufgetragen wird und mit dem Rakel in einer einzigen fließenden Bewegung auseinandergezogen wird. Die Elemente sind überschaubar und entstehen innerhalb  einer kurze Zeitspanne: Tuschespur und Rakelbewegung. Davor liegen aber das weiße Blatt Papier und eine lange Phase der Konzentration, der Meditation, die in einen kurzen Arbeitsprozess (eine einzige Bewegung) mündet.
Diese  Fixierung auf eine einzige Bewegung enthält die  ganze Fülle dessen , was eine lange Phase des Nachdenkens und Meditierens an „Spuren“ hinterlässt und die sich in der einer einzigen Bewegungsspur entlädt wird. Die  im Ergebnis so einfach und klar wirkende Bildfindung ist meist die einzige, die von  8 – 10 Blättern  Bestand hat, so schwierig ist die Umsetzung von meditativem Denken in eine Bewegung.
So sind die KIËN – Blätter und Yü-Leinwandarbeiten, die  so einfach – und sagen wir es offen- so scheinbar dekorativ wirken, die Essenz der höchsten Konzentration des künstlerischen Denkens und Arbeitens von Kopriva.
Keine unmittelbare Verbindung zur Zen-Meditation soll an dieser Stelle geknüpft werden, wohl aber ein vorsichtiger Anklang – dazu ein Gedicht, nicht das eines fernöstlichen Zen-Meisters, sondern des christlichen Mystikers Meister Eckhart, der ja oft zu Recht in diesen Zusammenhang gerückt wird:
Draußen stehen und zugleich drinnen,
ergreifen und umgriffen werden,
schauen und das Geschaute selbst sein, halten und gehalten
werden das ist das Ziel.
Dort verharrt der Geist in Ruhe
Und ist eins mit der Ewigkeit.
(Meister Eckhart)

<Auszüge einer Einführungsrede des Kunsthistorikers Dr. Michael Jähne>